Warum Feminismus (für mich) so schwierig ist

Ich war auf dem #gendercamp und möchte im Folgenden davon berichten, wie es für mich war, was schön war oder auch nicht und warum ich letztlich noch viel an mir zu arbeiten habe. Ich sage das Folgende frei von der Leber weg, um mich davor zu schützen, durch Relativierung die wichtigen Punkte zu verwässern. Ich kann daher nicht ausschließen, dass manche Aussagen manche Menschen triggern könnten. Ich muss auch etwas Anlauf nehmen, um zum Punkt zu kommen, deshalb ist dieser Text etwas länger und verwinkelter. Ausserdem ist dieser Beitrag lediglich ein Zwischenstand. In Anbetracht der Erfahrung, wie meine Meinung in den letzten vier Tagen durcheinander gewürfelt wurde, kann ich mich nicht darauf verbindlich darauf festlegen, dass ich irgend etwas von dem, was ich jetzt gerade schreibe, morgen auch noch so sehen werde.

Zunächst muss ich darauf anerkennen, dass ich ein absolut privilegiertes Leben führe. Ich bin ein weißer heterosexueller Cis-Mann aus einem guten Elternhaus, habe mein Abitur als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen und mit 21 ein Diplom als Ingenieur erworben. Ich lebe in einem reichen westlichen Land, in dem ich auch geboren wurde und aufgewachsen bin und dessen Mehrheitssprache ich fließend spreche. Mir wurde auch der Luxus zuteil, weitere Sprachen lernen zu können. Mir stehen also in unserer Gesellschaft alle Türen offen. Ich habe die Freiheit, nicht Teil einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu sein, und brauche mich dafür nicht zu rechtfertigen. Ich habe keine feste Beziehung und keine Kinder, kann also über meine Zeit beliebig selbst verfügen, und meine Entschädigung als Mitglied des Abgeordnetenhauses macht mich finanziell unabhängig. Ich war nie Opfer sexualisierter Gewalt und konnte mich bislang immer, wenn ich wegen meiner Ansichten und Überzeugungen angegriffen wurde, sehr gut selbst verteidigen.

Eigentlich dachte ich trotzdem, als ich zum #gendercamp fuhr, dass ich ein ziemlich guter Feminist bin. Ich habe das ja auch mal irgendwann irgendwo behauptet, und in der Folge haben eigentlich alle Presseerzeugnisse, die über die #15piraten berichteten, bei mir statt einer Berufsbezeichnung nur “Feminist” geschrieben. Immerhin, ich lese Antje Schrupp und die Mädchenmannschaft, schaue jede neue Folge der Feminist Frequency (die man hier übrigens unterstützen kann) und höre den nrrrdz-Podcast und habe seit meinem Eintritt in die Piratenpartei 2009 eine Menge genderpolitischer Diskurse innerhalb der Partei und nach außen mit bearbeitet, bin lose mit dem #kegelklub assoziiert, habe den Gender-Squad mitgegründet und als unsere Fraktion im Abgeordnetenhaus Sprecher benannt hat, wurde mir die des frauenpolitischen völlig ohne Widerworte zugestanden. Ich habe allerdings keine Sozialwissenschaft studiert und in sofern bin ich eher Dilettant, was feministische Theorie angeht. Ich dachte, ich könnte auf dem Gendercamp etwas mehr darüber lernen. Das war, wie sich herausstellte, eine Anmaßung.

In der letzten Session gestern nachmittag ging es um die Idee von Adrian Lang, eine feministische Gruppe für Männer* zu gründen. Ich hatte, als die Gesprächsrunde erst als Kärtchen an der Thementafel existierte, darüber nachgedacht, ob es wirklich Sinn macht, eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam etwas erreichen will, weiter zu spalten, neue Gräben einzuziehen, mehr Organisationen aufzubauen, die die knappe Ressource Zeit noch mehr für Orgafoo binden, statt sie für Aktionen zu nutzen. Die Begründung, die Adrian dann präsentierte, war, dass bei meinem ersten #nfbb einige Teilnehmende das Gefühl hatten, dass der Zustrom an vor allem Piraten, vor allem an männlichen, an diesem Abend die Atmosphäre für die Menschen, die schon länger dabei waren, schwieriger machte.

Aus anderen Kontexten kenne ich die Begeisterung, neuen Leuten, die mit Interesse zu einer Gruppe stoßen, Sachen zu erklären, sie zu begeistern und vielleicht selbst zu Multiplikatoren zu machen. In der Politik versteht sich das quasi von selbst, als Mitglied einer Partei freue ich mich über alle, die dazustoßen und etwas wissen oder diskutieren wollen, egal, welchen Wissensstand sie mitbringen. Natürlich gibt es da auch Menschen, die nicht kommen, um etwas zu lernen oder sich auszutauschen, sondern nur eine Plattform zur Verbreitung ihrer eigenen festgefahrenen Meinungen wollen. Diese verschwinden aber über kurz oder lang wieder, sie sind ein Ärgernis, aber kein Problem. Auch in der Hacker- und Nerdszene war ich immer glücklich, wenn jemand etwas von mir wissen wollte, wenn ich Erkenntnisse teilen und mit anderen weiterentwickeln konnte.

Der Unterschied ist, dass ich freiwillig Politik mache und mich immer wieder entscheiden kann, ob ich Lust habe, zum Congress oder zum Bausteln zu gehen. Wäre ich ein Opfer diskriminierender Strukturen, könnte ich mir eben nicht aussuchen, ob und wann ich dies zu spüren bekomme. Wer die schwierige Entscheidung trifft, den Versuch zu unternehmen, sich selbst aus ungerechten Verhältnissen zu befreien, will nicht von ständigen Diskussionen über das ob und wie gehemmt werden, vor allem nicht von denjenigen, die von diesen Verhältnissen profitieren. Wer aus privilegierter Position meint, die Sache der weniger Privilegierten voranbringen zu wollen, tut dies immer vermittels dieser Privilegien. Diese Person hat damit auch kein Recht, die Unterstützung, Dankbarkeit oder auch nur Akzeptanz der Menschen, die aus einer schwächeren Position das vermeintlich selbe erreichen wollen, einzufordern.

Dieser Zusammenhang wurde mir auf dem #gendercamp schmerzlich bewusst, beispielsweise als im Plenum die Kinderbetreuung eingeteilt wurde. Ich wollte helfen, habe mir aber aus mangelnder Erfahrung mir nicht zugetraut, eine Schicht verantwortlich zu übernehmen. Also fragte ich die zwei (Frauen), die sich für eine Schicht haben einteilen lassen, ob ich bei ihnen ein “Praktikum” machen könne. Ich dachte, dass ich damit im Rahmen meiner (selbst empfundenen) Möglichkeit mein Möglichstes täte. Per Twitter wurde mir dann aber mitgeteilt, dass ich statt dessen auch einfach aufstehen und herausgehen hätte können, schließlich würde ich so auch wieder nur unterstreichen, dass die Reproduktionsarbeit in erster Linie Frauensache sei und ich mich als Mann nicht verantwortlich daran beteiligen wolle, evtl. denen, die sie übernommen haben, noch zur Last fallen würde. In dieser Situation hatte ich von der Person, die mir diesen Vorwurf gemacht hatte, einen konstruktiven Lösungsvorschlag erwartet, was im Rückblick genau das Problem ist: Wer ohnehin schon die für Menschen, die diese nicht freiwillig machen, sondern, weil sie sonst niemand machen würde, anstrengende Arbeit macht, will dann nicht auch noch für die Leute, die sie nicht machen können, Lösungen entwickeln, sodass diese sich nicht schlecht fühlen.

Solche Konflikte haben mir die Zeit auf dem #gendercamp tatsächlich erschwert, weil ich sie nicht erwartet hatte und direkt in der Situation nicht verstanden. Im Nachhinein und nach etwas Überlegung muss ich Adrians Vorschlag also insofern zustimmen, dass zwar nicht Nichtmänner nicht automatisch tolle Feministen sind, Männer* aber doch aus einer anderen Position kommen und andere Dinge reflektieren müssen, um den Feminismus voranzutreiben, statt ihm im Wege zu stehen.

Aber es gab auch gute Momente, die Sessions, die wirklich interessant waren und mir neue Ansichten in vielen Bereichen eröffnet haben. Toll auf jeden Fall auch die kleine Runde zur #hackerflauschkommune, die diverse gute Ansätze zur Problematik, wie man in Berlin leben und trotzdem autark sein kann, hervorbrachte. Ich bin gespannt auf das nächste, vielleicht dann auch etwas größere und längere Treffen.

Der Themenkomplex “Essen, Feminismus, Spezismus und Intersektionalität”, dem sich auch zwei Sessions gewidmet haben und der auch eine richtungsweisende Plenumsentscheidung zur Folge hatte, verdient und benötigt einen eigenen Beitrag, den ich nachreichen werde. Jetzt werde ich allerdings erst einmal anfangen zu lesen, die Basics, und zwar selbständig.

UPDATE: Nein, ich werde hier keine Kommentare mit Links zu Maskulistenverbänden freischalten. Ansonsten freue ich mich über die längliche und sehr interessante Diskussion, die mein Artikel ausgelöst hat!

21 Responses to “Warum Feminismus (für mich) so schwierig ist”

  1. Anne Roth says:

    Der Unterschied zwischen #nfbb und Piratenpartei ist aus meiner Sicht vor allem ein anderer: Eine Partei ist meinem Verständnis nach per se darauf aus, zu wachsen, mehr zu werden, Neue anzuziehen und zu überzeugen. Ein Netzfeministisches Biertrinken ist erstmal nur ein Treffen in einer Kneipe und wesentliches Ziel ist Austausch und Vernetzung derer, die schon etwas verbindet. Hier: feministische Aktivitäten im Netz. Einige – nicht alle – waren überhaupt nicht darauf aus, den nach der Berlin-Wahl in gefühlt großer Welle einrollenden Piraten den Feminismus / Gender- / Queer-Politik etc. erklären zu wollen. Eine ganz sinnvolle Sache, aber so dominant eingefordert eben nicht das, was sich manche unter den Treffen vorgestellt hatten – mir ging das auch teilweise so.

    Ich würde sagen, ein Problem war die Mischung daraus, dass Ihr ziemlich dominant daherkommt, immer mit dem fröhlichen Grinsen “Wir sind eben so!” und damit wenig Platz gelassen habt für andere Interessen, und dem Wunsch, bei den #nfbb was über das Thema erfahren zu können. Dagegen hatte aus der Runde wahrscheinlich wirklich niemand was, nur gibt es, wie gesagt, einen deutlichen Unterschied zwischen Rumsitzen und über “das Netz” aus feministischer Perspektive zu plaudern einerseits und “das Netz aus feministischer Perspektive erklären” andererseits.

  2. […] und verhalten beschäftigen. wie das zum beispiel ein ‘mann’ erlebt hat, kann man bei simon nachlesen. am kommenden wochenende fahre ich zu einer gewerkschaftsveranstaltung und bin mal […]

  3. […] 21:47 Uhr, 23.05.2012: Die Blogs, die ich außerdem las waren Antje Schrupp, Glücklich Scheitern, Simon Kowalewski, Adrian Lang. Das darf hier gerne als Leseempfehlung interpretiert […]

  4. […] Simon Kowalewski, Pirat – Warum Feminismus (für mich) so schwierig ist […]

  5. […] Simon Kowalewski (@deBaer): “Warum Feminismus (für mich) so schwierig ist“ […]

  6. Lesbomat says:

    Hallo Simon,

    deinen Text finde ich sehr interessant, deine Denkweise empathisch. Allerdings erstaunt mich immer wieder, dass Männer, die doch wesentlich komplexeren Problemen des Lebens voller Mut und Enthusiasmus begegnen (Besteigung hoher Berge, Raumfahrt, Quantenphysik) bei Fragen des Haushalts und der Kinderbetreuung “einen auf Bubi machen, dem irgendeine Mutti alles erklären muss.” Soll dieses Ritual die eigene Männlichkeit vor dem Verdacht schützen, durch diese unmännliche Tätigkeit in Mitleidenschaft gezogen zu werden? Oder einfach die eigene Zeitressource vor reproduktiven Arbeiten schützen? Wir wissen es nicht, aber danke für deinen Text.

    • admin says:

      Hi!

      Zumindest in meinem Fall greife ich bei allem, was ich tue, gerne auf Expertise zurück. Ich käme, um bei Deinem Beispiel zu bleiben, nicht auf die Idee, Bergsteigen zu gehen, ohne mir von Leuten, die das schon einmal gemacht haben, erklären zu lassen, wie man das macht. Leute, die ohne jede Erfahrung die Steilwand hoch wollen, verabschieden sich ja im Zweifelsfall schnell wieder aus dem Genpool.

      Und gerade im Bereich Kinderbetreuung geht es ja nicht nur um mich, sondern um Kinder, die noch nicht, wie wir, informiert eigene Entscheidungen treffen können, und hier möchte ich natürlich wirklich nichts falsch machen. Selbst wenn diese Sorge vielleicht unbegründet und übertrieben erscheint, es ist eine Sorge, die ich habe.

      Liebe Grüße,

      Simon

      • »Paula« says:

        “Zumindest in meinem Fall greife ich bei allem, was ich tue, gerne auf Expertise zurück.”

        Genau DARIN lag doch das Problem, Simon. Wie kamst du überhaupt auf die IDEE, dass meine Freundin und ich auch nur einen Hauch mehr Erfahrung in Sachen Kinderbetreuuung hatten als du? Wir hatten es ebenso noch nie mit kleinen – zudem uns völlig fremden – Kindern zu tun, aber du hast darum gebeten, bei uns “ein Praktikum” machen zu dürfen.

        Ich sehe ja ein, dass du es gut gemeint hast im Sinne von “nichts falsch machen wollen”, aber du hast, ohne mit der Wimper zu zucken, genau die Stereotype reproduziert, mit den viele Frauen* täglich konfrontiert werden.

        • admin says:

          Hallo Paula!

          Wie ich auf die Idee kam? Ganz einfach, weil ihr Euch gemeldet habt. Ich gehe davon aus, dass Leute, die sich freiwillig melden und nicht nur notdürftig, weil sich fünf Minuten lang niemand sonst gemeldet hat, sich das, worum es geht, zutrauen. Und ich gerne meine erste KB-Schicht mit Leuten zusammen machen wollte, die sie sich zutrauen.

          In den Sessions, wo ich mich zum protokollieren gemeldet habe, habe ich das deswegen gemacht, weil ich mir zugetraut habe, ein brauchbares Protokoll zu schreiben. Für die Redeliste habe ich mich nicht gemeldet, weil ich dafür einfach zu wenig Leute kannte und auch nicht alle Namensschilder auf jede beliebige Entfernung lesen konnte und es mir insofern nicht zugetraut habe, das so gut hinzubekommen wie andere, die das vorher sehr gut gemacht haben.

          Wie gesagt, ich sehe ein, dass ich da eine Stereotype reproduziert habe, das war aber absolut nicht meine Absicht, und deswegen war ich auch wegen des Vorwurfs so demotiviert, dass es keine zweite KB-Schicht für mich gab. Jetzt weiß ich ja, dass sich andere, die auch noch nie mit Kindern zu tun hatten, trotzdem für Schichten haben eintragen lassen, und insofern würde ich das jetzt auch machen. Hätte mir (wie gesagt, ich kannte wirklich wenige Leute auf dem #gendercamp gut genug, um zu wissen, wer wie viel Erfahrung mit Kindern hat) das irgendwer auf dem Camp schon gesagt, hätte ich mich schon auf dem Camp mehr an der Reproduktionsarbeit beteiligt.

          Deshalb bleibe ich dabei, dass man gemeinsam mehr erreicht als gegeneinander.

          Liebe Grüße,

          Simon

          • james says:

            find ich jetzt interessant. nur mal ein gedanke, was dran ist, kannst du mir dann sagen: mir kommt es so vor, also die geschichte mit den namensschildern z.b., die du nicht auf jede entfernung lesen kannst, dass da eine große angst mitschwingt, in irgendeiner weise zu “versagen”, nicht perfekt zu funktionieren. weil wenn man mal eines nicht lesen kann, könnt man ja auch sagen, sorry, ich kanns nicht entziffern oder so…

            zu deinem letzten satz, man erreicht gemeinsam mehr… nun ja, aus deiner perspektive. die, die von deinem stereotypen verhalten betroffen sind, haben gar nichts erreicht, denn sie mussten sich ärgern, waren dadurch demotiviert usw. du schreibst ja, dass du das begriffen hast. aber solche sätze werden oft verwendet, um in situationen, in denen man auf widerstand stößt dann die kritik nicht ernst nehmen zu müssen, weil es ja ein größeres gemeinsames ziel gebe und faktisch fängt es aber damit an, zu lernen, in solchen situationen dann adäquat mit kritik umzugehen und besser im voraus die eigene position mitzudenken.
            also eine männerrunde macht da absolut sinn.
            ich denke auch, dass ein feministischer männerkreis eine erdung braucht. ich glaube zwar, dass es besser ist, wenn männer sich auch alleine treffen und geistig vorarbeit leisten, da die versuchung eben all zu groß ist, in gemischten gruppen auf die weiblichen ressourcen zurück zu greifen und diese die eigene arbeit machen zu lassen, aber da die sensibilität sehr viel weniger ausgeprägt zu sein scheint, muss man schon auch kontakt zu frauengruppen halten.

        • klingt komisch says:

          aber du hast, ohne mit der Wimper zu zucken, genau die Stereotype reproduziert, mit den viele Frauen* täglich konfrontiert werden.

          die stereotype habt ihr selbst reproduziert, indem ihr euch gemeldet habt.

  7. Christian says:

    Ich finde deinen Durchhaltewillen erstaunlich. Warum willst du in einer Bewegung sein, die dir erkennbar deine Rechte und deine eigene Meinung abspricht und dich auf deine Gruppenzugehörigkeit “Mann”, dein Geschlecht reduziert?

    Gleichberechtigung hat so viele Facetten und natürlich müssen Männer da auch mitreden, haben eigene Interessen, die berücksichtigt werden sollten. Eine Gleichberechtigungsbewegung muss doch wohl die Interessen beider Geschlechter abfragen und zu einem guten Ausgleich bringen. Die Spielart des Feminismus, der du hier nähertrittst scheint mir aber durch und durch gynozentrisch zu sein.

    Denn du schilderst ja selbst eine Zwickmühle, in die du geworfen wurdest.

    Vielleicht solltest du dich einfach nach anderen Vertretern in der Diskussion umschauen, etwa dem Equityfeminismus näher treten.

    Es besteht keine Grund dafür sich selbst abzuwerten und klein zu machen, nur weil man ein Mann ist. Es besteht kein Grund dafür, alle Privilegien nur bei den Männern zu sehen und die Idee, dass auch Frauen Vorteile aus ihrer Rolle haben können, aus dogmatischen Gründen abzulehnen. Das führt auch eher zu einem emanzipierten Frauenbild, in dem Frauen ebenfalls die Gesellschaft gestalten und ihre Interessen umsetzen.

    Richtig ist es natürlich, erst einmal etwas Literatur zu lesen.Butler und Beauvoir habe ich auch gelesen und es nicht bereut. Man sollte aber immer auch über die Ideologie, der man sich nahe fühlt hinauslesen, deswegen empfehle ich zusätzlich vielleicht einmal in Warren Farrell, Myth of Male Power oder David Geary, Male Female hineinzulesen, um auch einmal ein Hinterfragen vornehmen zu können. Wenn man dann zu dem Ergebnis kommt, dass einen die Gegenmeinungen nicht überzeugen, dann ist das Bild wesentlich ausgewogener

    • klingt komisch says:

      word

      einfach die worthülsen nachplappern (weiße cis-männer etc.), ist keine adäquate auseinandersetzung mit dem thema.

  8. Luc says:

    Hallo Simon,

    ich denke Dein Verhalten insbesondere in der KB-Sache war im besten Sinne post-gender. Dein einziges Kriterium, um nach dem Praktikum zu fragen, war die (vermeintliche) Erfahrung der Frauen mit Kinderbetreuung. Hätten sich zwei Männer gemeldet, hättest du sie auch gefragt. Für dich subjektiv war das also keine Fage des Geschlechts und also auch kein Stereotyp.
    Bleibt die Sicht von Paula und ihrer Freundin. Die können natürlich nicht wissen, warum genau du sie fragst. Aber im echten Leben ist es dann eine Frage der Höflichkeit, geschlechtsunabhängig, erst einmal nachzufragen (“Fragst du uns das weil wir Frauen sind?”). Denn grundsätzlich ist es völlig in Ordnung, Berührungsängste mit Kinderbetreuung zu haben, ich habe viele Jahre Kinder- und Jugendarbeit betrieben und halte dein Verhalten hier für verantwortungsbewusst. Im Übrigen kenne ich viele Menschen beiderlei Geschlechts die sich das erstmal auch nicht zutrauen würden.

    Das oben gesagte ist für einen Teil des Feminismus natürlich ein rotes Tuch: Paula soll höflich nachfragen? Wo Du doch der priviligierte Mann bist? Völlig ausgeschlossen. Und hier kann ich dir nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Ich selbst bin auch studiert, war sehr gut in der Schule und habe ein gutes Elternhaus. Das priviligiert mich, teilweise bereits qua Geburt. Aber als Mensch und nicht als Mann. Ich habe mich mit wissenschaftlichen Spielarten des Feminismus ebenso auseinandergesetzt wie mit vielen anderen Zweigen der Sozialwissenschaft und kann nur feststellen: das soziale Zusammenleben der Geschlechter ist um Größenordnungen komplexer als Männer oben, Frauen unten. Es gibt männliche Privilegien, genauso gibt es weibliche.

    Das ändert nichts daran, dass wir in entscheidenden Bereichen noch keine Gleichberechtigung erleben (Stichwort Kinderbetreuung). Das Problem von Veranstaltungen wie dem Gendercamp ist, dass sie kilometerweit über das Ziel hinausschießen. An dem Punkt ist dann alles nur noch Ideologie: nicht Paula war engstirnig und unhöflich, dich sofort in die Stereotypen-Tasche zu packen. Sondern du warst eben ein Mann.

    • »Paula« says:

      Finde es schwierig, Luc, wie du gleich glaubst, genau zu wissen, wie das Ganze abgelaufen ist.

      1) wurde vor dem Melden mehrfach betont, dass genau diese Unsicherheit für fast alle Teilnehmer_innen ein großes Problem darstellt und es wurde von den Eltern erklärt, dass wir nie alleine mit den Kindern wären, sondern immer zwei oder drei Elternteile dabei wären.

      2) sind mehrere Männer gleichzeitig aufgestanden und rausgegangen, als die Einteilung der KB anfing – das war vermutlich keine Absicht, sah aber echt komisch aus.

      3) habe ich selbst Simons Anfrage erst gar nicht als problematisch wahrgenommen oder ihn als Stereotyp wahrgenommen, sondern wurde dies hinterher von anderen kommentiert.

      4) hätte auch Simon höflich nachfragen können, ob wir uns denn mit KB auskennen – warum sind wir da in der (höflichen) Bringschuld?

      5) sind Begriffe wie “Ideologie” oder “rotes Tuch” Gründe, warum ich eigentlich nie Bock auf solche Diskussionen habe und auch nicht noch mal antworten werde.

      Paula

      PS: Simon, (wie) kann mensch sich hier über neue Kommentare benachrichtigen lassen?

      • »Paula« says:

        PS: Außerdem fände ich es nicht sehr höflich, einen Menschen vor großem Plenum “bloßzustellen”, wenn er_sie eine doofe Frage stellt, zu der ich gerne streiten will. Simon kam hinterher noch mal auf uns zu (was ich gut fand) und war ja auch trotz an ihm Kritik über Twitter(?) bei der KB dabei (was ich ebenfalls gut fand).

        • Luc says:

          Hey Paula,

          ich glaube nicht, dass ich weiß wie genau das abgelaufen ist. Ich habe nur Simons Bericht gelesen, in dem er sein Unwohlsein eben deutlich artikuliert. Und als Du ihn in deinem Kommentar oben wegen seinem Verhalten (nicht unhöflich, aber bestimmt) kritisiert hast ging ich davon aus, dass du Teil der Empörungswelle warst, da du diese Empörung hier ausdrückst. So meinte ich auch meinen Vorwurf mit dem unhöflich: nicht nachzufragen ist dann unhöflich, wenn man anschließend (massiv bis shitstormig) kritisiert. Wenn das nicht auf deinem Mist gewachsen ist , du es in dem Moment gar nicht schlimm fandest ist mein Kommentar oben natürlich unfair wenn er dich als Aufhänger nimmt. Entschuldige bitte.

          Das mit dem roten Tuch soll keine Provokation sein, ich schreibe auch extra “Teile” des Feminismus, weil ich mir der Strömungsbreite innerhalb der Bewegung bewusst bin. Dass es einen Teil gibt, der bei intergeschlechtlichen Fragen grundsätzlich den Mann als Täter und in der Bringschuld sieht, dürfte unwidersprochen sein. Wenn du dich dazu nicht zählst meine ich ausdrücklich nicht dich. Ich habe mir nur einige Erfahrungsberichte des Gendercamp durchgelesen und da kann man nur den Eindruck gewinnen, dass im Zweifel eher dieser Strömung nachgegangen wird.
          Damit habe ich grundsätzlich kein Problem, jeder soll gern Workshops besuchen wie er will, solange das Thema nicht mit dem Strafrecht kollidiert. Ich käme auch nie auf die Idee, ein feministisches Blog zu besuchen um da gegen den Flausch zu reden. Jeder wie er mag. Ich finde es dann widersprechenswert, wenn das über politische Blogs wie diesen hier am Ende Meinung einer ganzen Partei wird.

  9. Adrian says:

    Junge, wach auf! Du bist ein Mann und kannst stolz darauf sein. Du hast Dich für nichts zu schämen!

    Du wirst im Feminismus nichts gewinnen können, Du wirst nur Deine Würde als selbstbestimmte Person verlieren (genau betrachtet hast Du das bereits)

    Ich habe eine bessere Lektüre für Dich:
    http://www.amazon.de/dressierte-Mann-polygame-Geschlecht-Dressur/dp/3423361344

  10. korbinian says:

    davon auszugehen dass sich frauen automatisch besser mit kinderbetreuung auskennen nur weil sie diese aus der not heraus anbieten finde ich schon problematisch. eine gleichberechtigte herangehensweise wäre es doch eher gewesen zu sagen dass du darauf lust hast und ihr untereinander ausmacht wer was macht. von vornherein zu sagen dass du von den frauen bei der betreuung lernen willst zeugt doch trotz allem good-will von gefestigten rollenbildern. affirmativer sexismus is halt auch sexismus.

  11. Als Link zu einem geilen feministischen Blog kann ich auch noch http://lesbomat.wordpress.com/ empfehlen!

  12. János says:

    In der Hoffnung, dass auch eine unkonventionelle Meinung hier Raum findet möchte ich fragen: ist es schon so weit gekommen, dass man sich für gefestigte Rollenbilder schämen muss? Was ich problematisch finde, ist, dass – meines Erachtens – viel zu schnell die “Sexismus-Keule” ausgepackt wird, was in Simons Fall ganz offensichtlich unangemessen ist! Geht mal nach Südamerika oder Afrika, da werden euch die Frauen von echtem Sexismus zu berichten wissen! Immerhin ist es, soweit ich informiert bin, immer noch der Fall, das Frauen Kinder zur Welt bringen und dementsprechend auch in ihrer Erziehung – mal mehr und mal weniger, manchmal auch gar nicht – darauf vorbereitet werden, potentiell auch irgendwann Mutter zu werden; vor diesem Hintergrund finde ich es nicht verwerflich, davon ausgehen, als “unerfahrener” Mann in Sachen KB etwas von Frauen lernen zu können. Und einen Punkt möchte ich gern noch hinzufügen: Die an Simon geäußerte Politik erreicht meines Erachtens nicht, dass er in Zukunft selbstbewußter an das Thema KB herangeht! Dies ist die Spielart des Feminismus, die mir nicht passt, weil sie – wie in dem beschriebenen Fall – das Interesse, was von Simon da war, lächerlich macht und ihm sofort Böswilligkeit oder gar Sexismus unterstellt! Eine wirklich emanzipierte Frau, die das “Feindbild Mann” nicht braucht, hätte mit einem Zwinkern fragen können: “Na Simon, glaubst du, nur weil ich eine Frau bin kenne ich mich besser aus?”

Was denkst du?