Meine Gedanken zur “Piratenbraut”

Gestern las ich auf Popcornpiraten, dass es mal wieder ein Buch über die Piratenpartei gibt, diemal geschrieben von der taz-Journailistin Astrid Geisler, in dem ich an fünf Stellen namentlich erwähnt sei. Das kam mit insoweit erst einmal seltsam vor, weil ich mich an keine Astrid Geisler erinnern konnte, das mag aber mit meinem nur in Rudimenten vorhandenen Namensgedächtnis zusammenhängen, erweckte jedoch meine Neugierde. Und da ich das Buch im arbeitsplatznahen Hugendubel nicht bekam (der Buchladen direkt am AGH ist, was Politik angeht, extrem schlecht sortiert, aber das ist ein anderes Thema) kaufte ich es dann abends etwas verschämt beim Kulturkaufhaus des Outsourcing-Konzerns Dussmann, das bekanntlich immer jedes Buch vorrätig hat.

Seitdem, mit einer kurzen Pause zum Schlafen, habe ich es von vorne bis hinten durchgelesen. Ein sehr kurzweilig geschriebener und sehr persönlicher Erfahrungsbericht einer Piratin, wie sie begeistert und desillusioniert wurde, und das alles im Kontext des bislang chaostischten, anstrengendsten aber auch spannendsten Jahres der Piraten, 2012. Ein “Let’s-Play”-ähnlicher Führer durch die Ochsentour, Geschmacksrichtung Piratenpartei, für Neulinge. Eine interessante Anekdotensammlung, die wir, die alles selbst miterlebt haben, in ein paar Jahren aus dem Ragal ziehen können, um im besten Falle darüber zu lachen. Und, im Nachwort, eine klare Handlungsempfehlung für alle Piraten, wie wir ein Stück weiter kommen können, ohne uns im Stillstand und dem ständigen um-uns-selbst-Kreisen zu verlieren.

Und dann, und dieses Kapitel wurde auch auf Golem veröffentlicht, hat die Autorin noch geschildert, wie einfach es ist, im Mitgliederverwaltungschaos nicht nur zwei Mitgliedsnummern, sondern auch zwei Zugänge zu Liquid-Feedback zu erhalten. Und wie sie dieses Problem dem Bundesvorstand geschildert und dieser völlig unangemessen reagiert hat. Stellt Euch vor, nach dem BTX-Hack hätte die Haspa den CCC darauf eingeschworen, lieber nichts zu sagen, denn sie arbeite ja bereits an einem Artikel, in dem sie schildern wolle, was sie in Zukunft unternahmen wolle, ausserdem sei ihre Software ja völlig sicher, die Sicherheitsschwankung hätte also nicht, und auch garnichts, 0,0 sozusagen, mit ihr zu tun. Die Haspa hat damals richtig reagiert und das Problem öffentlich gemacht. Dass die Piratenpartei dazu nicht in der Lage war, ist ein absolutes Armutszeugnis, immerhin geht es hier ja um das Vorzeigeprojekt der Piraten, die Online-Entscheidungsfindung unter Beteiligung aller Mitglieder (aber jedes nur ein Kreuz!).

Diese Problematik hat übrigens dazu geführt, dass wir uns als Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus gegen den mißbrauchsanfälligen Betrieb von Liquid Feedback ohne Nachvollziehbarkeit der Benutzer ausgesprochen haben.

Und was das Herstellen von Öffentlichkeit angeht, meine öffentliche Reaktion auf den Tittenbonus-Kommentar wurde im Buch, S. 44ff, zurecht kritisiert. Wer mich kennt weiß, dass mich dieser Kommentar natürlich auf die Palme gebracht hat. Allerdings haben wir nicht ohne Grund die Regel, innerhalb der Fraktion solche Vorfälle erst einmal untereinander zu klären, bevor wir uns weltöffentlich per Twitter vor die Füße kotzen. Deshalb habe ich mich in Reaktion auf die Twitteranfrage von @AstridGeisler erst einmal in vorsichtiger Selbstkritik geübt. Das Buch zeigt ja gerade, was für eine Gradwanderung zwischen Transparenz und verlässlicher Politik die Piratenarbeit oft darstellt.

Insgesamt kann ich dieses Buch also sehr empfehlen. Danke für Deine Mitarbeit und die tolle Dokumentation des Projekts Piratenpartei, liebe Astrid!

3 Responses to “Meine Gedanken zur “Piratenbraut””

  1. Hallo Simon,

    das von Frau Geisler aufgeworfene und am eigenen Leib bemerkte Doppelmitgliedschaft und der dazugehörige doppelte LQFB-Account wurden mir am 19.9.12 gemeldet. Am 29.9.12, in der RL-Sitzung des BuVos in Hamburg, wurde das seit 14. *Juli* 2012 bekannte Konzept der sogenannten “Bundeskiste” behandelt (und am 7.11 endgültig beschlossen), welches u.a. zur Zielstellung hat, ungewollte oder bewußt angelegte Dubletten in der Mitgliedsverwaltung zu erkennen.

    U.a. wurde in der Sitzung festgestellt, dass es “Doppelmitgliedschaften” mit den entsprechenden Konsequenzen gibt und Handlungsbedarf besteht und die Bundeskiste dieses Problem lösen soll. Die Bundeskiste selbst wurde seit 14. JULI 2012 im LiquidFeedback vorgestellt und debattiert, wobei u.a. das Problem von Mehrfachmitgliedschaften Motivation von Idee und Antrag war.

    Insofern weise ich den Vorwurf, der Bundesvorstand hätte hier irgendwas verschwiegen, nicht veröffentlicht oder unter den Tisch gekehrt, einfach mal zurück. Es ist seit langem bekannt, dass man quasi beliebig viele Mitgliedsdatensätze in der Mitgliedsverwaltung erzeugen kann und die letztlich lediglich durch die verfügbaren finanziellen Mittel beschränkt ist, und dass als Konsequenz daraus Leute halt doppelt ins Liquid oder LS-Umfragen geladen werden.

    Leider wehrt sich die Partei mit der üblichen Mischung aus Empörung und Absurdität gegen eine saubere Akkreditierung an der Partei beziehungsweise ihren Onlinetools, krakeelt aber mit derselben Energie wenn auf Grund des Fehlens solcher Instrumente Leute halt mal doppelt erfasst und dann auch doppelt in LQFB eingeladen werden. Der Beschluß zur Bundeskiste harrt weiter seiner Umsetzung, die in den nächsten Wochen wieder aufgenommen werden wird (beginnend mit einer Ausschreibung für die “Bundeskistenbauer”).

  2. m3t4b0m4n says:

    Lieber Simon,

    ich muss mich beruflich mit der Organisation und Durchführung von offiziellen Europa-, Bundestags-, Landtags-, und Kommunal-Wahlen beschäftigen. Von daher muss ich Dir leider mitteilen: Ein bischen Schwund ist immer. Es gab schon immer Fehler bei offiziellen Wahlen, bei der Auszählung, bei den Wählerlisten und beim Verschicken und Zustellen der Wahlbenachrichtigungskarten. Das soll zwar nicht sein, ist aber so. Wo Menschen arbeiten, werden auch Fehler gemacht.

    Seid mal nicht heiliger als der Pabst. Erst Recht nicht deshalb, weil irgendwelche U-Boote ihre Bücher vermarkten wollen.

    Gruß Felix.

  3. Jacky Neiwel says:

    liquid feedback funktioniert eben deswegen, weil es keine große Rolle spielt, wieviele Stimmen etwas bekommt. Wenn geschummelt wird fliegt das rechtzeitig auf. Und ist eigtl. auch egal, denn der Beste Antrag wird auf dem Parteitag immer einen Antragssteller finden., nicht unbedingt der, der am Meisten Stimmen hat.

Was denkst du?