Mein Impulsvortrag “Was ist Leistung?”

Am 30. November letzten Jahres veranstaltete die Überparteiliche Fraueninitiative Berlin einen Kongress mit dem Titel “Was ist Leistung?”. Ich saß mit Kolleginnen aus den anderen Parteien dort auf einem Podium und habe in fünf Minuten erzählen sollen, wo aus meiner Sicht das Problem mit der Arbeit von Frauen in Parteien liegt. Inzwischen wurde mein Impulsvortrag transkribiert, vielen Dank an Kerstin Wietusch dafür, und rückblickend auf unsere Aufstellungsversammlung könnte er interessant sein:


Carola von Braun:
Jetzt kommen wir zum letzten Mitglied unseres Podiums. Das mindestens genauso spannend. Simon Kowalewski. Er ist Mitglied der Piratenfraktion und ist der bundesweit einzige frauenpolitische Sprecher und hat eine ganz spannende Vita. Er ist von Hause aus Hardware-Entwickler und Informationstechniker, hat eine sehr spannende politische Kariere, sehr bunt. Wir haben ihn als ÜPFI erlebt als einen Abgeordneten, der, ebenso wie auch Frauen aus den andere Fraktionen, ein sehr ernsthaftes Interesse an den Themen hat, mit denen er sich befasst.

Simon Kowalewski:
Ich glaube Gregor Gysi war mal Frauensenator, aber ich bin tatsächlich – und das haben Sie hier gerade sehr freundlich und höflich dargestellt – als Veranschaulichung eines Problems da. Ich gehöre zu einer Fraktion, den 15 Piraten, den sprichwörtlichen, die 14 Männer sind und eine Frau, die jetzt gerade wegen Mutterschutz ausfällt. Sprich, wir sind gerade eine Männerrunde. Das bezeichne ich immer gerne als unsere Urkatastrophe. Wir sollten hier mit Selbstkritik nicht sparen. Das mache ich an dieser Stelle auch.

Wir sind natürlich eine sehr junge Partei und haben auch eine sehr junge Mitgliederstruktur, was bei uns dazu führt, dass uns das Problembewusstsein ein bisschen fehlt, denn das habe ich auch hier wieder mitgenommen: Bis man tatsächlich mal gegen die gläserne Decke stößt, das dauert eine Weile. Ich kenne es, dass ganz viele meiner Parteikolleg*innen sagen, die Mädchen waren doch in der Schule schon besser und in den ganzen Studiengängen sitzen auch überwiegend Frauen. Wo soll denn da überhaupt noch das Problem sein? Das ist wahrscheinlich die Einstellung, die man bis Mitte 30 hat. Und das war bis vor ganz kurzer Zeit eben auch weit über dem Durchschnittsalter meiner Partei. Das hat sich inzwischen geändert.

Das Problem ist also, wie kam es dazu, dass wir von 15 Piraten hier im Abgeordnetenhaus 14 Männer sind und was können wir dagegen tun? Denn es ist so, dass unsere Partei durchaus in den ganzen Strukturen absolut von vielen tollen und sehr engagierten Frauen getragen wird. Es ist so, dass 2011 bei der Listenaufstellung alle Frauen, die kandidiert haben, auch gewählt worden sind. Sie waren auf sehr guten Plätzen. Alle beide. Als es dann konkreter wurde, ist eine leider wieder abgesprungen. Vermutlich ist es das, was wir hier auch gerade wieder gehört haben. 80-100 Stunden Arbeitszeit. Das ist hier nur ein Teilzeitparlament, deswegen sind es hier wahrscheinlich 50-80 Stunden. Das ist scheinbar für Frauen eher abschreckender als für Männer. Zumindest würde ich das da erst mal hinein interpretieren. Aber ich komme da auch noch zu später zu Wirkungsmechanismen.

Die Frage, die man sich natürlich auch stellen muss, denn wir haben jetzt ja gerade wie alle anderen Kolleginnen hier auch das Problem, dass jetzt gerade wieder Listen aufgestellt werden für die Bundestagswahl. Das erste Mal, dass wir, auch wenn es jetzt gerade nicht so aussieht, aber das sind die typischen Schwankungen, zum ersten Mal die Bundestagswahl, wo wir auch tatsächlich eine realistische Chance haben, dort etwas zu bewirken. Und entsprechend auch hineinkommen mit unseren Landeslisten. Da ist jetzt natürlich der Punkt, dass 6 Länderlisten aufgestellt worden sind. Und auch dort die Frauen jetzt eher untervertreten sind.

Deswegen ist jetzt die Frage, wie überhaupt Leistung bewertet wird. Denn es heißt immer, wenn man Leute fragt, auf welcher Basis trefft ihr eigentlich eure Entscheidungen, wen ihr auf die Listen wählt: Na ja, nach Kompetenz. Wir wählen die Leute, die am kompetentesten sind. Ich bezeichne das einfach mal als den Kompetenzmythos. Denn es zeigt sich, dass ist auch wissenschaftlich bewiesen, dass man natürlich Menschen, die einem selber ähneln, als kompetenter wahrnimmt, als Menschen, die irgendwelchen Punkten anders sind. Ein sehr schönes Beispiel haben wir gerade bei der Listenaufstellung in Brandenburg erlebt.

Da wurde eben der junge politische Geschäftsführer des Landesverbandes, der auch schon dadurch aufgefallen ist, dass er im Wahlkampf sehr viele Plakate aufgehängt hat, auf den ersten Listenplatz gewählt und die Anke Domscheit-Berg, die eigentlich davon ausgegangen ist, dass sie problemlos in Brandenburg den ersten Platz macht, ist jetzt leider nur auf dem zweiten gelandet und das hat wahrscheinlich die beiden Aspekte: Der eine ist, dass natürlich so ein junger Mann, der viele Plakate aufgehängt hat, den meisten der Brandenburger Piraten wesentlich ähnlicher ist und ergo kompetenter vorkam, als diese Frau, die eben nicht nur schon mal beim Erzfeind Microsoft gearbeitet hat, sondern sich vom Alter her auch in anderen Regionen befindet als die meisten Brandenburger Piraten. Und das ist auch der Punkt.

Ich denke mal das hat unsere Partei ein bisschen von der Hackerszene geerbt, diese Champignon-Taktik. Wer den Kopf raus streckt, wird abgeschnitten. Bei uns ist das ein bisschen verstärkter, denn dieser Schwarm, der immer intelligenter sein will als jedes einzelner seiner Mitglieder, hat Angst davor, dass irgendjemand zu profiliert und zu mächtig wird. Deswegen werden Leute, die sich ohnehin schon einen Namen gemacht haben, die schon ein gutes Netzwerk haben, die einfach schon bekannt sind, die mal eben ihr Handy rauszücken und die ganzen wichtigen Vertreter von Wirtschaft und den ganzen NGOs einfach mal anrufen können, weil sie die alle schon kennen, natürlich auch so ein bisschen mit Vorsicht wahrgenommen.

Was kann man eigentlich machen, um das grundsätzlich zu ändern? Wir haben gesehen, in vielen anderen Ländern passiert nichts und wir als Berliner, die ihre Liste relativ spät aufstellen, absichtlich relativ spät aufstellen, um Fehler von anderen Landesverbänden noch korrigieren zu können, sind jetzt gefragt. Aber wie machen wir das? Wir haben einerseits das Problem, dass es tatsächlich sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, etwas politisch wirklich bewirken zu können. Wir haben auch da ein Beispiel. Wir haben eine wunderbare Piratin, die ursächlich dafür verantwortlich ist, dass wir 2011 unsere gesamten Wahlprüfsteine beantwortet haben. Und sie hat das neben einer Vollzeitstelle in einem kaufmännischen Beruf gemacht. Das hat uns so gut gefallen und überzeugt, dass wir sie direkt nach der Wahl völlig ohne irgendwelche weiteren Überlegungen als unsere Referentin für die Zusammenarbeit mit unserer Basis eingestellt haben. Aber das ist eine Ausnahme.

Deswegen sind unsere Überlegungen: Wir haben einerseits Internetwerkzeuge, die es ermöglichen, sich von überall und auch zu jeder beliebigen Zeit an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Was wir auch haben, sind die so genannten Crews, das heißt typischerweise wird sich bei den Piraten abends in irgendeiner verrauchten Kneipe getroffen, das ist nicht für jeden Lebensentwurf so das Optimale. Deswegen haben wir jetzt auch spezielle Gruppen, die sich samstags am Nachmittag treffen, um auch Menschen, die, auch mit Kindern im Schlepptau, sich politisch beteiligen wollen, die Möglichkeit zu geben, das zu tun.

Was haben wir sonst noch für Werkzeuge? Wir haben den Kegelklub. Der ist relativ gut durch die Medien gegangen, getragen worden. Unser Berliner Frauennetzwerk, das auch diese Umfrage gemacht hat, wie denn Frauen sich in der Piratenpartei fühlen und wo sie Probleme sehen. Da haben über 1000 Menschen teilgenommen. Es ist auch sehr wichtig, dass auch Männer an der Umfrage teilgenommen haben. Weil zum Beispiel die Aussage, Frauen fühlen sich in der Piratenpartei gemobbt, eine wertlose Aussage ist. Da kommt dann wieder das Argument: Ja, das ist überall so. Kein Problem. Wenn man aber sagt: Frauen fühlen sich in der Piratenpartei mehr gemobbt als Männer, dann kann man damit arbeiten. Dann hat man ein Problem. Das kann man sich überlegen, wie man das abstellen kann. Interessanter Weise kam vor allem die Rückfrage: Ist ja toll, dass ihr diese Umfrage gemacht habt. Warum machen das die anderen nicht? Die anderen Parteien in diesem Fall. Das war das Echo. Dass eine Partei sich so öffentlich und so selbstkritisch mit ihren genderpolitischen Problemen auseinandersetzt, dass kam glaube ich bis jetzt noch nicht so vor.

Wir haben inzwischen auch ein Bundesfrauennetzwerktreffen auf unserem letzten Parteitag gehabt. Da haben sie sich das erste Mal getroffen. Interessant ist: Gefühlt 90 Prozent unserer Frauen in der Partei boykottieren das noch, weil sie es für Quatsch halten. Aber wie gesagt, junge Leute und fehlendes Problembewusstsein. Aber da sind wir dran und da passieren Dinge.

Zeitgleich tagt, wo ich auch gleich nach diesem Podium hin flitzen werde, unsere Projektgruppe Frauenwahlrecht. Es geht hier um das passive Wahlrecht. Das aktive klappt ja schon. Wir sehen es nicht als Problem an, wenn Frauen gegeneinander kandidieren. Wir würden das als Demokratie bezeichnen. Aber wir wollen dafür sorgen, dass auch auf der Liste und dadurch insgesamt im Bundestag, in unserer Fraktion, so sie denn stattfinden sollte, ein bisschen Diversity herrscht. Dann kommen die Piraten und sagen, jetzt kümmert ihr euch nur um Frauen, was ist mit Behinderten, was ist mit Queermenschen, was ist mit X und Y und Z. Da sagen wir, ok, baby steps. Irgendwo muss man ja mal anfangen. Wir können nicht auf die Lösung warten, die alle Probleme auf einmal löst. Wir machen jetzt erst mal einfach das eine und gucken, wie erfolgreich wir darin sind, und diese Werkzeuge, die wir im Laufe der Zeit erarbeiten, kann man dann bestimmt auch auf andere Probleme anwenden. Aber irgendwo muss man erst mal anfangen.

Was machen wir da ganz konkret? Wir wollen eine Infoveranstaltung machen. Mit dem Titel: In den Bundestag, ich, als Frau? Dabei geht’s darum, Wissenslücken, ob sie jetzt tatsächlich existieren oder nur erfunden werden, aufzufüllen. Wir haben glücklicherweise den Spitzenkandidat von 2009, den Florian Bischof, der nach seiner Bundestagswahl komplett abgebrannt nicht mehr in Erscheinung trat, als Referenten gewinnen können. Er erzählt uns, wie das denn ist, als Spitzenkandidat mit 5-6 Interviews jeden Tag behelligt zu werden. Wir wollen analysieren, einerseits wie bestimmte Wahlverfahren sich auf die Ergebnisse auswirken, aber auch, wie die Aufstellungsversammlungen konkret ablaufen. Also, wie stellen Frauen sich vor, wie stellen Männer sich vor? Was für Fragen werden Frauen gestellt, was für Fragen werden Männern gestellt? Die Piraten sind ja bekannt dafür, dass Kandidaten ordentlich gegrillt werden. Allerdings mit doch sehr unterschiedlichen Fragen.

Wir haben festgestellt: Männer werden wesentlich thematischer gefragt. Frauen werden vielmehr nach ihrer persönlichen Lebensführung gefragt. Das ist natürlich ein Unterschied, den wir so nicht hinnehmen können. Wir werden Anfang nächsten Jahres ein Medientraining für Kandidaten machen. Vor der Aufstellungsversammlung, um sich darin zu schulen, sich entsprechen darstellen zu können. Und um dann von der Versammlung für kompetent genug gehalten zu werden, richtigen Interviews im Wahlkampf Stand zu halten.

Was auch etwas war, was es in die Süddeutsche Zeitung geschafft hat, was sehr umstritten war, was einen gewissen Rechtfertigungsdruck ausgelöst hat, war unsere Selbstverpflichtungserklärung. Ich habe zusammen mit 30 anderen Piraten aus dem Landesverband eine Verpflichtung unterschrieben, auf die ersten Listenplätze nur Frauen zu wählen. Das dient dazu, einen völlig unbestrittenen Mangel abzustellen. Trotzdem hat es wahnsinnige Anfeindungen gegeben. Speziell deswegen, weil in unseren Grundsatzprogramm steht, dass in der politischen wie wirtschaftlichen Situation das Geschlecht keine Rolle spielen darf. Das ist ein klarer Verstoß gegen unser Programm. Ich versuche zu sagen, dass Diversity in der Bundestagsfraktion wesentlich wichtiger ist, als jeder einzelne Kandidat. Es gibt tatsächlich auch männliche Kandidaten, wegen denen mir das leid tut.

Aber letztlich, und das ist wirklich mein letzter Satz: Das sind jetzt alles letzte Versuche, bevor ich mich eben auch dann, wenn das alles nicht funktioniert, für eine Quote einsetzen werde. Dummerweise ist das bei uns momentan politischer Selbstmord, weil bei mir in der Partei, und das habe ich aus ganz vielen Gesprächen herausgefunden, die Schmerzen einfach noch nicht groß genug sind.

Carola von Braun:
Vielen Dank Herr Kowalewski für diese offenen und ehrlichen Worte und Berichte aus der parlamentarischen Arbeit.

Pia Kaiser:
Herr Kowalewski, sie haben ja den Kegelklub. Hat es da keine Kandidatin? Das ist eine reine Frauengruppierung, dann haben sie doch viele Frauen.

Simon Kowalewski:
Das ist die Frage, an der wir schon sehr stark verzweifelt sind. Wir haben viele tolle Frauen. Warum kandidieren sie nicht? Dass sie kandidieren dürfen, ist unbestritten. Aber irgendwie passiert das nicht und genau das sind eben diese vielen kleinen Schritte, die ich eben erläutert habe. Wie wollen wir das jetzt hinkriegen? Momentan haben wir tatsächlich schon 3 Frauen, die sich jetzt wirklich schon geoutet haben, die auf der Wiki-Seite stehen, dass sie für die Berliner Bundestagsliste kandidieren wollen. Ich sage, ohnehin sollen auf die ersten 4 Plätze nur Frauen. Wir haben also noch ein Freiticket zu vergeben. Kommt her und holt es euch! Aber genau diesen ganzen kleinen Aspekte, die wir hier schon gehört haben, halten trotz alledem scheinbar Frauen immer noch davon ab, zu sagen, jawohl, das klingt cool, irgendwie mal ein bisschen Gestaltungsmacht. Das mach ich jetzt. Das ist natürlich jetzt die große Frage, wie können wir das abstellen? Und da freue ich mich natürlich immer über weitere gute Ideen.

One Response to “Mein Impulsvortrag “Was ist Leistung?””

  1. Jacky Neiwel says:

    Mit eurer Landesliste hat sich das Ding ja wohl zum Glück erledigt.

    Dass du Susanne Grafs Mutterschutz indirekt problematisierst, hättest du dir sparen sollen. Sie war in dieser Zeit erreichbar, hat getan was sie konnte und das war auch sonst nirgendwo ein Thema. Engagement heißt, dass man tut was man kann. Und wenn ihr in den Bundestag kommt und wieder nur mit 2-5 Frauen reinkommt, die alle gleichzeitig schwanger werden, dann solltet ihr auch das nicht als Ausnahmezustand annehmen. Männer haben auch nicht immer die Option 120% von ihrer max. Kapazität abzurufen, allerdings tun die Meisten sehr erfolgreich so.

    Die bittere Pille, die die Gesellschaft schlucken muss, ist einfach mal sich zu fragen, ob sie denn Frauen, die Kinder wollen am Arbeitsleben teilnehmen lassen wollen. Momentan scheint das keiner wirklich zu wollen, und deshalb sollten die Leute mal schleunigst mit ihrem Geheuchle bzgl. Demographie aufhören, wenn in diesem Land irgendjemand meint, dass Kinder wichtig für unsere Zukunft sind, dann soll er gefälligst auch Frauen einstellen, die welche kriegen können. Alternativ einfach die Klappe halten und nicht über Fachkräftemangel oder son Blödsinn labern.

Was denkst du?